„Kleines Meer am Großstadtrand“

40 Jahre Kulkwitzer See – Leipzigs Badewanne feiert Geburtstag – LVZ-Artikel vom 17.08.2013:

Wie abertausend geschliffene Kristalle glitzert die Oberfläche des Kulkwitzer Sees in der Sonne. Neptun habe die Truhen geöffnet und lasse Seenixen seine Schätze polieren, meint vielsagend eine Spaziergängerin. Vielleicht hat sie ja recht. Immerhin feiert das Erholungsgebiet einen runden Geburtstag – an diesem Wochenende zunächst am Leipziger Strand, wo im Mai 1973, vor 40 Jahren also, das Naherholungsgebiet eröffnet wurde. Gelegenheit zum Rückblick auf den Senior der zahlreichen Braunkohletagebauseen der Region.

Hunderte Strandkörbe, wie es sie anfangs gab, um Ostseestimmung vor die Tore Leipzigs zu holen, die könne sich der Zweckverband nicht leisten, winkt Reinhard Ihle, Zuständiger für Tourismus und Erholung bei der Leipzig Seen GmbH, ab. Die Kosten könne niemand mehr tragen. Der Aufwand sei bereits Grund fürs Verschwinden der maritimen Accessoires vom kleinen Meer am Großstadtrand gewesen. Und das ist nicht das Einzige, was sich binnen vier Jahrzehnten veränderte. „Der See ist im ununterbrochenen Wandel“, so Ihle.
Der Name allein ist irritierend. Denn mit Kulkwitz hat der See nur entfernt zu tun. Wer heute in dem Markranstädter Ortsteil nach Wasser sucht, findet die Kulkwitzer Lachen. Gewiss, ein Erholungsgebiet, allerdings für die Natur. Das Restloch des Tagebaus Kulkwitz, das geflutet wurde, befand sich ursprünglich auf Flächen der Gemeinden Miltitz, Lausen, Albersdorf, Göhrenz und Markranstädt. Erst mit den Eingemeindungen erhielt Leipzig direkten Zugang zum See. Inzwischen verläuft die Stadtgrenze mitten durchs Gewässer.
Das Schiff war vorm Wasser da. Der ausgediente Saalelastkahn liegt seit 1972 am Miltitzer Strand auf Trockendock. Allerdings kam ihm das Nass nach Ende der Kohleförderung bedrohlich nahe, so dass Wasser abgepumpt werden musste. Inzwischen reguliert eine Freispiegelleitung den Pegel. „Frieda“ jedenfalls kam, in drei Teile zerlegt, von Halle-Trotha nach Miltitz. „Sie wurde sofort Wahrzeichen des Sees“, sagt Ihle. Der Kahn beförderte hier nie Passagiere, sondern bewirtete als „MS Leipzig“, „Dschunke“, „La barca“, „Santa Anna“ stets Gäste. Heute lädt die „Schiffsgaststätte“ ein.
Der Leuchtturm, ein umfunktioniertes Stahlrohr, komplettiert die maritime Optik. Er hat nie einem Seefahrer den Weg gewiesen, ist vielmehr Ergebnis der findigen Bauherren der ersten Stunde um den Miltitzer Frank Böhme. Denn als sich gegenüber der Schiffsgaststätte das Fundament eines Hochspannungsmastes widerborstig zeigte und nicht aus dem Boden ziehen ließ, wurde aus der Not eine Tugend gemacht, das Rohr organisiert und zum Leuchtturm erklärt. Der sendete immerhin rund zehn Jahre lang Signale, fiel dann aber Randalierern zu Opfer, wurde reanimiert, leuchtet zurzeit aber nicht.
Auf dem Holzspielplatz wagten viele Knirpse ihre ersten Schritte und Sprünge zwischen Schildkröte, Krokodil, Pferd und Hühnchen. Nachdem der Zahn der Zeit die Figuren des Zwenkauer Bildhauers Günter Schumann zernagt hatte, sei der Verlust dieses Platzes viel beklagt worden. „Der Komm-Verein und Grünauer haben sich letztlich dafür eingesetzt, dass wieder ein Holzspielplatz, wenn auch kleiner, entstand“, lobt der See-Experte.
Die Party-Tonne „war fünf Jahr lang Magnet für die Großen“, so Ihle. Das Team um Thomas Schlag lud zu Dart-, Tischtennis-, Skat- und Schachturnieren ein und belebte den Kulkwitzer Seelauf im Mai 2002 für jedermann neu. „Nach einem Brand musste die Party-Tonne Ende 2005 abgerissen werden. Ersatz gab es nicht.“
Kurze Gastspiele gaben Kino, Riesenrutsche, Minigolf, Go-Kart-Bahn, Schlendrian. „Die Betreiber dachten wohl, hier sei das große Geld zu machen“, blickt Ihle zurück. Auch wenn der See an Sommertagen schon 30.000 Gäste zählte, wollen viele hier einfach nur Natur genießen, spazieren gehen, Joggen, Rad fahren oder sich sonnen.
Zweites Zuhause wurde der Zeltplatz Dauercampern, die den Sommer am See verbringen. Das Ferienressort nebenan beherbergt Urlauber aus Deutschland und der ganzen Welt. Schwedenhäuser, Bungalows, Finnhütten sind heiß begehrt. „Es kommen aber auch wieder viele mit eigenem Zelt“, so Ihle. „Sie schätzen unseren Platz und die Nähe zur Großstadt.“
Die Unterwasserwelt lockt Tauchsportler an. „Die Tauchschulen Florian in Göhrenz und Delphin in Lausen haben ihre festen Basen und bereichern den See mit ihrem Engagement und vielen Veranstaltungen“, so Ihle. Einzigartig ist zudem der Unterwasserpark mit Lore, Schiffs- und Flugzeugwrack.
Die Strandbereiche besitzen alle ihre Eigenart. Momentan mausert sich das Markranstädter Ufer. Wo anfangs speziell Segler, Surfer und Kanuten ihre Domizile hatten, laden mittlerweile auch Strandbad, Sauna und in Kürze eine neue Promenade ein. Beim Promenadenfest am 31. August wird gewiss auch noch einmal an den Wandel des Kulkwitzer Sees erinnert.


Kurz & knapp

Das Erholungsgebiet Kulkwitzer See erstreckt sich über 450 Hektar Land, davon je 150 Hektar Wald- und Wasserfläche. Der See ist 2700 Meter lang und 110 Meter breit. An der tiefsten Stelle misst er 36 Meter.

1860 begann auf dem Gebiet des jetzigen Sees der Kohlebergbau. 75 Jahre lang wurde zunächst unter Tage gefördert, ehe zum Tagebau übergegangen wurde. Ortschaften fielen der Kohle nicht zum Opfer. Erschlossen wurden in erster Linie landwirtschaftliche Fläche.

1958 legten Rat des Bezirkes Leipzig und Kreis Leipziger Land fest, die Restlöcher Kulkwitz und Miltitz sowie die Hochkippe für die Naherholung zu erschließen. 1963 endete die Braunkohleförderung. Bis 1980 trennte ein Erddamm nahe dem Roten Haus die Restlöcher Kulkwitz und Miltitz.

Seit 1992 existiert der Zweckverband Erholungsgebiet Kulkwitzer See, dessen Träger die Städte Leipzig und Markranstädt sind, deren Grenze mitten durch den See verläuft. Mit der Bewirtschaftung des Sees ist die Leipzig Seen GmbH betraut: www.kulkwitzer-see.de

Neben den Anwohnern, die den Kulkwitzer See von Anfang an liebevoll als Leipzigs Badewanne bezeichneten, schätzen viele Vereine das Areal seit Jahrzehnten, darunter Segler, Windsurfer, Kanuten, Angler, Dauercamper, Taucher, Eisbader.

Bootsverleih, Hochseilgarten, Sauna, Wasserskianlage, Spielplätze, Ferienressort und diverse gastronomische Einrichtungen komplettieren das Angebot für Besucher aus nah und fern.

Seit 2001 besitzt der See eine eigene Website. Uwe Walther und Elke Göbel vom Grünauer Komm-Verein füttern sie mit Historischem, Aktuellem und Visionärem. Mehr als 410.000 Besucher haben sie bereits angeklickt: www.kulkwitzersee.com


Cornelia Lachmann

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 17.08.2013