Gegen die Perspektivlosigkeit

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen.
Heute: Sebastian Steffens, Ehrenamtlicher im Kinder- und Jugendtreff Leipzig-Grünau

Sebastian Steffens arbeit ehrenamtlich im KiJu Grünau. Hier entdeckt er seinen Leidenschaft für den sozialen Bereich. Foto: Abndre Kempner

Eigentlich schien das Leben etwas ganz anderes für Sebastian Steffens vorgesehen zu haben: Ursprünglich arbeitete der heute 35-Jährige als Lagerlogistiker in Berlin – doch dann zwang ihn ein Bandscheibenvorfall innezuhalten. Er musste seinen Beruf aufgeben. Sein Weg führte ihn schon bald nach Leipzig. Zwei Jahre lang zwangen ihn die Beschwerden, zu Hause zu bleiben. „Mir fiel die Decke auf den Kopf“, sagt er, wenn er an die Zeit zurückdenkt.

Sebastian Steffens wollte sich neu orientieren, suchte nach einer Perspektive. Mit dem Gang zum Arbeitsamt stand für ihn fest: Er will sich sozial engagieren. Heute tut er das. Er ist ehrenamtlich im Kinder- und Jugendtreff Leipzig-Grünau tätig. Dort kümmert sich Steffens um diejenigen, die Mut und Hoffnung verloren haben. „Leute, die keine Unterkunft haben und in Obdachlosenheimen leben. Leute, die die Schule abgebrochen haben und jetzt perspektivlos sind. Oder Leute, die straffällig geworden sind und ihr Leben jetzt wieder in geordnete Bahnen bringen wollen“, erklärt er. Als Arbeit empfindet er seinen Job nicht. „Es ist meine Leidenschaft“, sagt er bestimmt. Den Draht zu „den Jungs“, wie er die Hilfesuchenden nennt, baut er schnell auf. „Nichts ist wichtiger als Vertrauen. Nur dann kann ich helfen. Ich erwarte absolute Ehrlichkeit“, sagt der 35-Jährige. Fragt man ihn nach seinem Aufgabengebiet, sagt er: „Überall dort, wo der Schuh drückt.“ Und der drückt meistens bei Behördengängen und bürokratischen Abläufen. „Papierkram“, bringt er es auf den Punkt.

Regelmäßig kommuniziert er mit Arbeitsämtern und Personalabteilungen. Über die Jahre hat er das gelernt. Auch dank eigener Erfahrungen. „Ich habe mich komplett reingefuchst. Jetzt weiß ich, welchen Ton man anschlagen sollte und wie man vorgeht.“ Damit unterstützt er die Jungs im Jugendtreff. Die kommen mit einem Packen Unterlagen und einer Menge Verzweiflung in die Einrichtung. „Es ist aber nicht so, dass ich die Aufgaben übernehme. Uns ist es wichtig, dass sich die Jungs selbst mit ihren Fällen beschäftigen und aktiv werden. Ich begleite nur und gebe Hilfestellung“, erklärt er. Begleitend wirkt er auch, wenn es um Ämtergänge geht. „Ich komme mit, setze mich dazu. Das macht es für die Jungs oft einfacher und vermittelt Sicherheit im Umgang mit Behörden.“ Sebastian Steffens ist ein sozial denkender und handelnder Mensch. Zwangsläufig, sagt er. Drei Geschwister und über 20 Cousins und Cousinen zählt er zu seiner Familie. Alle sind sie gemeinsam aufgewachsen. „Ich wurde sehr sozial erzogen und habe schon immer gern geholfen.“ Sein Umfeld nimmt der 35-Jährige sehr genau wahr, bemerkt die feinen Nuancen, wenn jemand Hilfe benötigt. „Vor allem sehe ich, wenn es Bedarf gibt.“ So wie im Kinder- und Jugendtreff in Grünau. Die Mitarbeiter vor Ort schaffen das Pensum kaum und freuen sich über seine Unterstützung. Begleitungen auf Ämter außerhalb der Räumlichkeiten sind aufgrund der dünnen Personaldecke kaum zu schaffen. Nach Absprache im Team über die aktuelle Situation der Klienten ist Sebastian Steffens da. Er hat die Kapazitäten, mit den Jungs zu Terminen zu fahren. „Mein Ziel ist es, im sozialen Bereich Erfahrungen zu sammeln und dort später eine Ausbildung anfangen zu können.“ Der Weg soll ihn über seine ehrenamtliche Tätigkeit führen.

Der Grünauer Jugendtreff ist zu seinem zweiten Zuhause geworden. „Es hätte keinen besseren Ort für mich geben können“, sagt er. Oft ist er länger als vereinbart hier. Die dicken Akten voller Unterlagen nimmt er nicht selten mit nach Hause, grübelt dort weiter über die Situation seiner Jungs nach. „Damit abschließen, sobald ich die Tür hinter mir zu mache, kann ich nicht.“ Viele seiner „Fälle“ sind ihm ans Herz gewachsen. „Ich erfahre viel Persönliches über die Jungs, da entsteht Vertrauen.“

Oft arbeitet er parallel an mehreren Fällen. Sein Engagement hat sich herumgesprochen. Ist einer seiner Jungs versorgt, wartet schon der Nächste auf Hilfe. Und der 35-Jährige hilft. Weil er einfach nicht anders kann.

Stephanie Helm

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 19.05.2018

1 Kommentar zu "Gegen die Perspektivlosigkeit"

  1. Ein ganz toller Beitrag in der LVZ. Einer, der hinsieht, der hinhört. Mitten in Grünau. Wo eigentlich kaum einer allzu genau hinsehen möchte. Einer, der den Hilfebedürftigen Kids respektvoll seine Freundschaft anbietet. WARUM STELLT SOLCHE LEUTE KEINER EIN ? Soll denn das Ehrenamt, bei allem Respekt, alle übrig gebliebenen Probleme in diesem Land lösen ?

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