Leipzigs früherer Chefarchitekt Horst Siegel ist tot

Professor leitete 18 Jahre lang den Bereich Planung und Bau im Rathaus / Zahlreiche Spuren hinterlassen (LVZ vom 06.11.2020)

Leipzigs früherer Chefarchitekt Horst Siegel (Foto) ist unlängst im Alter von 86 Jahren in Weimar verstorben. Mit Hermann Henselmann arbeitete er an der Einordnung des Uni-Riesen, mit Rudolf Skoda an der städtebaulichen Konzeption für das Gewandhaus (hier ein Modell von 1968). Montage: Patrick Moye

Er wurde 86 Jahre alt. Leipzigs früherer Chefarchitekt Horst Siegel ist unlängst in Weimar verstorben. Die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt.

Von 1967 bis 1985 hatte Siegel die Funktion des Leipziger Chefarchitekten bekleidet – sein Amt ähnelte dem Aufgabenbereich der heutigen Baubürgermeister. Siegel stammte aus dem Riesengebirge, wo er am 4. Mai 1934 in Lampersdorf geboren wurde. Nach einer Ausbildung als Maurer und dem Besuch der Arbeiter- und Bauernfakultät in Weimar studierte er ebenfalls dort Architektur. Als Chefplaner von Halle-Neustadt – mit etlichen experimentellen Wohnhäusern – und Mitgestalter des Thälmannplatzes (heute Riebeckplatz) erwarb er sich so viel Anerkennung, dass schließlich die Berufung nach Leipzig eintraf.

In der Messemetropole folgte unter seiner Ägide maßgeblich die „Umgestaltung zur sozialistischen Stadt“ – wie sie damals überall in der DDR auf der Tagesordnung stand. Symbolträchtigstes Zeichen dafür war die Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes (heute wieder Augustusplatz). Die dortige Universitätskirche wurde wenige Monate nach Siegels Amtsantritt gesprengt, war aber schon Jahre zuvor von der SED-Führung beschlossen worden.

Siegels Team – das dem Rat der Stadt unterstehende Büro des Chefarchitekten – erarbeitete vor allem die Generalbebauungspläne der Stadt und Stadtregion Leipzig, es plante die Messemagistrale Straße des 18. Oktober, die Innere Westvorstadt (1967-1968) und Wohnkomplexe in Lößnig (1970), Schönefeld, Mockau und Thekla (1971-1973). Weitere Großprojekte waren Siedlungen in Grünau, Paunsdorf und Engelsdorf, die Umgestaltung der Ostvorstadt (1973-1977), Planungen für das Zentrum mit der Grundkonzeption für das City-Hochhaus, Gewandhaus, Wohnhochhaus Wintergartenstraße (1968-1972) und den Sachsenplatz (1969). Im Ausland erarbeitete Siegel zudem Studien für Bamako, die Hauptstadt von Mali, sowie eine Expertise für den Generalbebauungsplan der Stadt Brno.

„Ich glaube, dass Professor Horst Siegel ein ausgezeichneter Stadtplaner war, den man allerdings nur aus der DDR-Zeit heraus beurteilen kann“, sagte Wolfgang Hocquél, renommierter Denkmalschützer und Autor zahlreicher Bücher zur Leipziger Bau- und Architekturgeschichte, gegenüber der LVZ. „Sein Verdienst ist es, das Büro des Chefarchitekten initiiert zu haben, womit erstmals ein größerer Planungsstab mit teils exzellenten Fachleuten zur Verfügung stand.“ Freilich dürfe man das sogenannte BCA in seinen Wirkungsmöglichkeiten nicht überschätzen. „Was und wie gebaut wurde, bestimmten das Politbüro, die SED-Bezirksleitung und das Bezirksbauamt. Die Qualitätsstandards setzte das Baukombinat Leipzig. Wie die exzellenten städtebaulichen Architekturperspektiven seines Mitarbeiters Hans-Dietrich Wellner für den Neubaukomplex Grünau oder aber für den ehemaligen Sachsenplatz belegen, befand sich die Stadtplanung teilweise auf sehr hohem Niveau. Den Vergleich mit dem heutigen Stadtplanungsamt würde das damalige BCA unbedingt bestehen“, meinte Hocquél.

Ein generelles Versagen der Planung – wie bei der Überbetonung des industriellen Wohnungsbaus auf der „grünen Wiese“ zu Lasten der Sanierung innerstädtischer Wohngebiete – sei im Grunde nicht durch Siegel zu verantworten gewesen. „Auch wenn wir heute die Ergebnisse der Baupolitik zwischen 1969 und 1989 als sehr kritisch ansehen, denn sie ging mit dem Verfall ganzer Gründerzeitgebiete einher, sollten wir ihm das ehrliche Bemühen um das Wohl der Stadt nicht absprechen.“ Ein belegbares Beispiel dafür ist der Erhalt des historischen Riquethauses mit seinem wunderschönen Café im Schumachergäßchen. Siegel setzte sich 1968 hinter den Kulissen für dessen Erhalt ein – und letztlich gegen die seinerzeitigen Abrissbefürworter durch. Später wurde der Leipziger Chefplaner auch zum stellvertretenden Chef des Bundes der Architekten (BDA) in der DDR.

Sammlung seiner Unterlagen im Stadtarchiv

Ab 1969 lehrte er zudem als Honorarprofessor an der TU Dresden und von 1985 bis 1991 an der heutigen Bauhaus-Universität in Weimar. Danach wirkte er noch acht Jahre als freischaffender Architekt. Seine Sammlung von Dokumenten, Zeichnungen und Plänen übergab Siegel schon 2011 dem Leipziger Stadtarchiv, das diese Unterlagen öffentlich zugänglich gemacht hat.

Jens Rometsch

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2020

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