Ein großer Schritt

Das Theatrium setzt in der neuen Spielzeit auf das Thema Zukunft und konsequente Inklusion. (LVZ vom 29.08.2019)

Wie gut Inklusion auf der Bühne funktioniert, veranschaulichte in der vergangenen Spielzeit das Theatrium-Stück „Helden“. Quelle: Constanze Burger

„Zukunft bringt“ heißt das Motto der neuen Spielzeit am Theatrium, die am Freitag beginnt. Damit legt die Leipziger Kinder- und Jugendbühne im tiefen Westen der Stadt einmal mehr die Finger an den Puls der Gegenwart; gerade mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen bekommt die Frage, was wohl die Zukunft bringt, Dringlichkeit.

Ebenfalls am Puls der Zeit (oder wenigstens dem deutscher Theater) ist aber auch, dass man schon beim gern etwas kryptisch knapp gehaltenen Spielzeitmotto anfängt, diese ganz bestimmte Prise Kreativität zu versprühen. Denn nicht, weil die Zukunft eventuell nichts Großes mehr bringt, ist „zukunft bringt“ so geschrieben, wie es hier geschrieben ist – komplett klein – sondern „weil das so typografiert viel besser aussieht“.

Echt jetzt? Auf die wenig überzeugte Reaktion, die einem nach dieser Erklärung entfährt, kann Theatrium-Chefin Almut Haunstein gelassen lachen. Auch, weil von ihr im Gespräch ansonsten schon recht Überzeugendes bezüglich der neuen Spielzeit-Zukunft am Theatrium zu hören ist. Vier Jugend- und zwei Kinderstücke, dazu ein Weihnachtsstück, werden zur Premiere kommen; außerdem ist auch die Kostüm- und Maskenwerkstatt wieder für Interessierte geöffnet. Haun-stein: „Es wird wieder rappelvoll werden. Die Nachfrage ist konstant groß.“

Alles wie gehabt, könnte man sagen – wäre da nicht der Umstand, dass das Theatrium in dieser Saison einen großen Schritt in Richtung Inklusion wagt. Das heißt, nämlich erstmals alle angebotenen Projekte für „Menschen mit zugewiesener Behinderung“ zu öffnen. Fraglos ein absolut respektables Unterfangen, das eine Frage nach sich zieht. Alle Projekte zu öffnen – ist das wirklich hilfreich?

„Das wurde bei uns im Team durchaus heftig diskutiert“, gesteht Haunstein, „es gab auch große Bedenken. Aus organisatorischen Gründen, aber vor allem bei der Frage, ob bei diesem Weg die uns sehr wichtige künstlerische Qualität des Hauses gehalten werden kann.“

Dass nun die Bedenken letztlich nicht die Oberhand gewannen, kann man als schönes Beispiel eines pragmatischen Idealismus lesen. Um mit dem pragmatischen Teil zu beginnen: Der Andrang seitens behinderter Kinder und Jugendlicher, so Haunstein, dürfte erst einmal relativ gering ausfallen. Allein, weil sich das Angebot in breiterem Maße erst noch kommunizieren muss und weil es immer noch organisatorische Hürden wie das Abholen und Betreuen zu optimieren gibt. Zugleich aber, das fügt Haunstein nachdrücklich hinzu, ist man am Theatrium bezüglich des Themas Inklusion nicht so unerfahren: „Wir sind das punktuell ja schon angegangen. Nicht zuletzt mit einer Produktion wie ,Helden’, die hier in der letzten Spielzeit Premiere hatte. Und dann haben wir mit Christin Stützer auch eine Sozialpädagogin am Haus, die einige Erfahrungen mit der Behindertenarbeit hat. Sie hat auch mitgeholfen, Berührungsängste abzubauen.“

Nicht zuletzt ist das Haus ja barriere-frei gebaut worden. „Und wenn das schon so ist, warum sollen wir das nicht verstärkt nutzen?“, meint die Leiterin. Bleibt dennoch die Frage: Warum alle Projekte öffnen und nicht nur einen darauf zugeschnittenen Teil?

Haunstein: „Wir hatten uns vorgestellt, wie das laufen könnte: Da sitzt also zur Einschreibung, wenn die Projekte vorgestellt werden, ein Kind mit Behinderung und entdeckt unter diesen Projekten auch eins, auf das es Lust hätte – und dann darf es nicht dabei sein, weil das dummerweise gerade ein Projekt nur für Nichtbehinderte ist? Nee, das geht nicht! Wir haben deshalb diesen Gedanken zu Ende gedacht – und die Schlussfolgerung war, alle Projekte für Inklusion zu öffnen.“

Womit man auf unmittelbarem Weg vom Pragmatismus beim ideellen Selbstverständnis des Theatriums gelandet wäre: „Es kommt natürlich viel auf Art und Grad der Behinderung an. Uns ist klar, dass nicht immer alles geht, was man sich wünscht. Auch sind wir uns der Risiken bewusst. Aber unser Selbstverständnis ist eben zu sagen: Wir sind ein Haus für alle – und da gehört das dazu.“

Wie auch ein weiterer Fokus, auf den sich das Theatrium in dieser Spielzeit wieder verstärkter konzentrieren will: die Akquise vor Ort, in Grünau also. Denn gerade die Kinder und Jugendlichen von dort, für die diese Spielstätte in einer ihrer Hauptintentionen ursprünglich mit errichtet wurde, sind an dieser vergleichsweise gering vertreten. Das liegt, so Haunsteins Beobachtung, weit weniger an Desinteresse als viel öfter an einer Schwellenangst. Es ist das Paradox, dass das Qualitätslevel, auf dem das Theatrium arbeitet, zugleich verlockend und einschüchternd wirken kann. Das Gegenmittel: Offensiver vor Ort kommunizieren, die Hemmungen dimmen. Einmal mehr gilt: Kunst ist immer auch Zukunftsarbeit. Die Scheu vor dem einen verlieren, heißt die Angst vor dem anderen zu bannen. Das Haus ist offen – für alle.


Spielzeit beginn am 30.08. mit dem Jugendtheaterprojekt „Reizen“, 20 Uhr.
Karten und Infos dazu auf www.theatrium-leipzig.de.


Steffen Georgi

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29.08.2019

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