Von den Stimmen im Kopf

Katja Fischer bringt mit dem Kindertheaterprojekt „Kopfkino“ im Theatrium die Adaption eines Pixar-Films auf die Bühne – LVZ vom 05.06.2018

Ein Blick in den menschlichen Kopf: Freudelinchen, Amygdala, Cortexa, Ekelpekel und Wütbert bei der Arbeit. Foto: Constanze Burger

Kind zu sein, ist manchmal nicht leicht, erst recht, wenn die eigenen Geschwister einem das Leben schwer machen. Im Theatrium wurde am Wochenende mit dem Kindertheaterstück „Kopfkino“ spielerisch erklärt, warum unsere Emotionen manchmal mit uns durchgehen und was passiert, wenn wir uns dagegen wehren.
Auf zwei Ebenen findet die Geschichte der drei Geschwister, gespielt von Samira Schmidtke (Stella), Ole Sidio (Max) und Fine Schmidt (Fahra), statt. Die Bühne besteht aus einem Kinderzimmer mit drei Betten und einer erhöhten Ebene, die mit einem Schreibtisch und fünf Stühlen bestückt ist – das Kommandozentrum, in dem die Emotionen Freudelinchen, Wütbert, Ekelpekel, Ängstl und Trauerline durch Fernbedienungen Einfluss auf die Kinder nehmen.
Sie sorgen bereits für Gelächter als sie, begleitet von ihrem Lieblingslied, auf die Bühne treten. Freudelinchen, ganz in Gelb, tänzelt zu Pharrell Williams’ „Happy“. Trauerlind, in blau gekleidet, schleift sich zu Gary Jules’ „Mad World“ zu ihrem Platz, und Ekelpekel stolziert zu Helene Fischers „Atemlos“ in grünem Kostüm. Mit bunter Farbe im Gesicht, Pelzhut und detailreicher Räuberkleidung mogelt sich auch Ding Ding auf die Bühne, um die Fantasie zu verkörpern. Kontrolliert werden sie durch Cortexa, die im Business-Kostüm und mit Klemmbrett in der Hand einen reibungslosen Ablauf garantieren will, am Schreibtisch mit gleich zwei Laptops sitzt Amygdala.
Wer sich nun an den Pixar-Film „Alles steht Kopf“ erinnert fühlt, hat recht. Das Stück ist an den Kinderfilm von 2015 angelehnt und thematisiert ebenfalls, dass auch Trauer ein wichtiger Teil des Lebens ist. Denn als Trauerline aus dem Kontrollzentrum verschwindet, kommt es unter den Geschwistern zur wilden Kissenschlacht und zu schlimmem Streit.
Das Stück stilisiert unter der Leitung von Katja Fischer, was so schwierig im Umgang mit sich und Anderen ist, ob für Kinder oder Erwachsene. Wir werden von unseren Emotionen geleitet, und das kann zu vielen Problemen und Konflikten führen. Doch die Gefühle zu unterdrücken, führt zu noch größerem Chaos, als Trauerline und Ding Ding aus dem Kontrollzentrum in das Kinderzimmer bugsiert werden. Ein Streit unter den Geschwistern eskaliert, über die ganze Bühne wird geschrien, und erst Ängstl kann die Kinder dazu bringen, über ihre Gefühle zu sprechen. In einer Tanzchoreographie wird Frieden geschlossen, und sogar die pubertierende Stella kann sich wieder mit Ding Ding und ihrer kindlichen Seite verbinden. In einem Versuch seiner ersten Kanzlerrede ruft Max aus, dass der Krieg abgeschafft wird und beendet das Stück dadurch mit einer politischen Botschaft.
Mit viel Witz und tollen Licht- und Farbenspielen wird auf der Bühne heruntergebrochen, was oft sehr kompliziert ist. Die eigene Gefühlswelt zu verstehen und in Worte zu fassen, ist eine Aufgabe, an der viele Erwachsene scheitern, noch schwerer ist es für Kinder. Umso lustiger also, wenn man sich selbst in der zickigen Teenagerin, dem ruhigen Bücherwurm oder dem aufgedrehten Nesthäkchen wiederfindet und über Situationen lachen kann, die einen sonst zum Verzweifeln brächten.
Nach fast einer Stunde applaudieren die Zuschauer im beinahe ausverkauften Saal. Vielleicht weil die Stimmen in unseren Köpfen nun endlich ein Gesicht bekommen haben.

Tabea Burchgart

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 05.06.2018

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