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Wie entspannt ist Leipzigs Wohnungsmarkt?

Die Direktorin der Staatlichen Studienakademie und ein Mitglied des Seniorenbeirats äußern sich (LVZ vom 19.06.2020)

Blick auf die Stadt: Wie entspannt ist Leipzigs Wohnungsmarkt? Die Antwort auf diese Frage fällt recht unterschiedlich aus. Foto: DPA

Zu den Beiträgen „Betroffene schockiert über neue Wohnungsmarkt-Studie“ vom 15. Juni und „Studie: In Leipzig lohnt sich kein sozialer Wohnungsbau / Empirica-Forscher: Geld besser im ländlichen Raum investieren“ vom 10. Juni:

Mieter und Vermieter sitzen in einem Boot

Da die Wohnung nicht nur ein Wirtschaftsgut ist, sondern auch ein soziales Gut, liegt es in der Natur der Sache, dass die Diskussion um die Wohnungsmarktsituation mitunter kontrovers geführt wird. Problematisch wird die Sache, wenn Erhebungen per se durch einzelne Meinungen infrage gestellt werden. Unbestritten hat sich in Leipzig aufgrund der Attraktivität der Stadt die Wohnungsmarktsituation verändert. Umziehen ist kein Volkssport mehr wie vor 20 Jahren – so in der LVZ vom 15. Juni ausgeführt.
Die Berufsakademie Sachsen analysiert seit 2014 gemeinsam mit der Pisa Immobilienmanagement GmbH & Co. KG die Entwicklung der Angebotsmieten in der Stadt Leipzig bis auf Ortsteilebene. Unterschieden wird dabei zwischen den Angebotsmieten für den Erstbezug nach Neubau oder Modernisierung und den Angebotsmieten bei Wiedervermietung von Bestandswohnungen. Es ist schlicht und ergreifend ein Fakt, dass im Median die Angebotsmieten für den Erstbezug nach Neubau bei 8,71 Euro pro Quadratmeter und die Angebotsmieten für Wohnungen, bei denen keine Modernisierungen durchgeführt wurden (Bestandswohnungen), bei 6,70 Euro pro Quadratmeter liegen. Betrachtet man die Stadtbezirksebene, ist der zentrumsnahe Stadtbezirk Mitte der teuerste mit Angebotsmieten im Median von 10,97 Euro pro Quadratmeter bei Erstvermietung und 8,21 Euro pro Quadratmeter bei der Vermietung von Bestandswohnungen. Im Stadtbezirk West liegt der Median der Angebotsmieten bei 5,49 Euro pro Quadratmeter bei Erstbezug und 5,44 Euro pro Quadratmeter bei Bestandswohnungen. Gemäß Sozialreport 2018 der Stadt Leipzig, beruhend auf einer Bürgerumfrage, beträgt die durchschnittliche Mietkostenbelastung in Leipzig 5,88 Euro pro Quadratmeter.
Das sind einfach Fakten, ob sie nun dem Einzelnen gefallen oder nicht. Es stimmt einfach nicht, dass alle Vermieter mit sogenannten Luxussanierungen (eine Definition hierfür gibt es nicht) die Mietpreise in die Höhe schrauben wollen. Mieter und Vermieter sitzen in einem Boot. Der Mieter möchte eine ordentliche und natürlich auch bezahlbare Wohnung. Der Vermieter möchte einen ordentlichen Mieter, der in der Lage ist, die Miete zu bezahlen. Die Hauptursachen für die gestiegenen Immobilienpreise und damit auch Mieten liegen in den gestiegenen Grundstücks- und Baukosten.
Der massive Anstieg der Baukosten hängt einerseits mit der gestiegenen Nachfrage nach Bauleistungen zusammen, wird aber andererseits maßgeblich durch stetig steigende Vorschriften wie Energieeinsparverordnung, Brandschutzanforderungen, städtebauliche Wettbewerbe etc. verursacht. Das betrifft gleichermaßen Vermieter und Mieter.
Zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums müssten zunächst die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehören primär die Entschlackung baurechtlicher Vorschriften oder vereinfachte Baugenehmigungsverfahren für Typenbauweise. Darüber hinaus sind steuerliche Anreize, die Bereitstellung von Fördermitteln für den Wohnungsbau oder die Erhöhung von Wohngeld denkbar. Die Entscheidungen hierüber müssen aber immer faktenbasiert bleiben. Schlussendlich geht es um die Verwendung von Steuergeldern, die durch die gesamte Gesellschaft aufgebracht werden.

Professorin Kerry Brauer,
stellvertretende Präsidentin der Berufsakademie Sachsen und Direktorin der Staatlichen Studienakademie Leipzig


Sozialwohnungsbau muss gefördert werden

Als Vertreter der Wohnungswirtschaft im Seniorenbeirat stehe ich für sachgerechte Diskussionen – nicht aus der Sicht von Außerirdischen, sondern aus der Lebenswirklichkeit heraus. Nach Schrumpfung und Stagnation bei der Bevölkerungsentwicklung gab es seit dem Jahr 2010 in Leipzig Bevölkerungswachstum. Die jahrelange Stigmatisierung bestimmter Stadtteile und der „Plattenbauten“ hat dazu beigetragen, dass es derzeit in einzelnen Stadtteilen noch Wohnungsleerstand gibt.
Mehr als 20 Jahre lang wurde weniger als ein Drittel des Bedarfs zur einfachen Reproduktion des Wohnungsbestandes durch Neubau erreicht; ganz zu schweigen vom Bau zusätzlicher selbst genutzter und Mietwohnungen, auch weil es über viele Jahre in Sachsen keine beziehungsweise unzureichende Sozialwohnungsbauförderung gab. Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, wenn René Hobusch als Präsident von Haus und Grund in Sachsen die für Leipzig und Dresden vorgesehene Sozialwohnungsbauförderung in die Regionen lenken will – gleichwohl dort ebenso Sozial- statt Luxuswohnungsbau stattfinden muss.
Bedarfsgerechter Sozialwohnungsbau muss hinsichtlich Anzahl sowie Größe und Qualität unter Berücksichtigung der Generationeninteressen gefördert werden. Das schließt auch die Wohnungszusammenlegung von kleinen Einraumwohnungen zu größeren Familienwohnungen und/oder den Einbau von innenliegenden Aufzügen mit barrierefreiem Halt auf den Wohnebenen ein. Die Bezahlbarkeit des Wohnens wird für Seniorinnen und Senioren immer wichtiger, da Bruttorentensteigerungen durch höhere Besteuerung sowie höhere Eigenanteile an Pflegekosten mehr als aufgefressen werden.

Siegfried Schlegel,
Vertreter der Wohnungswirtschaft im Seniorenbeirat Leipzig

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